Atem

Atmen heisst Leben. Mit dem ersten Einatem treten wir in die Welt ein - mit dem Letzten verabschieden wir uns von ihr. In der gegebenen Lebensspanne begleitet uns der Atem wie ein stetiger, nie versiegender Fluss. Als meist unbewusstes Rhythmusgeschehen schwingt er in uns und reagiert via vegetatives (unwillkürliches) Nervensystem äusserst sensibel und direkt auf Ausseneinflüsse und auf innere Befindlichkeiten. So hat jeder Mensch einen eigenen Atemcharakter, der seine jeweilige Verfassung widerspiegelt.

In unserer stetig komplexer werdenden Lebenswelt mit hohen Stressfaktoren und Erwartungshaltungen erleben immer mehr Menschen psychische und physische Beeinträchtigungen aller Art. Wer hat nicht schon bemerkt, wenn er "nach Luft gerungen" hat, wie ihm "der Atem stockte" oder es ihm "die Kehle zugeschnürt" hat. Diese Sprüche aus dem Volksmund drücken den direkten Zusammenhang von bewegenden Ereignissen und entsprechendem Atemverhalten aus. Meist ist dies der einzige Moment, in welchem der Atem in unser Bewusstsein tritt: dann nämlich, wenn er uns für einen Moment fehlt - oder uns spontan ein Seufzer der Erleichterung entfährt.

In einer eher kopflastigen, von tiefen Sehnsüchten oder von Sinnsuche geprägten Gesellschaft, ermöglicht die Arbeit mit dem Atem einen alternativen, eher nüchternen, aber dafür um so achtsameren Umgang mit uns selber. Unsere Körperlichkeit wird damit als hilfreiches Instrument und nicht nur als reine Äusserlichkeit erfahren. Atmen ist Urbewegung und Abbild unseres Lebenskerns. Der Atem fliesst von Innen nach Aussen und umgekehrt. Er ist demnach eine verbindende Kraft und hilft uns, Eindrücke in diesem Grenzgang wandelbar zu machen.